Wie ist das, wenn ich nichts tue, wenn es keine Aufgabe gibt, wenn es ganz still ist? Im Achtsamkeitstraining “Happy Panda” machen viele Kinder zum ersten Mal die Erfahrung, dass es völlig in Ordnung sein darf – so, wie es gerade ist. Und wenn sie an jemanden denken, den sie mögen, dann läuft das unter Herzlektion. Ein Gespräch mit Cécile Cayla, die das Programm für Kinder 2011 aus der Taufe gehoben hat.

Achtsamkeit ist mittlerweile in aller Munde. Grund genug mal wieder zu klarzustellen, was man darunter eigentlich versteht. Also bitte: Was ist Achtsamkeit?
Achtsamkeit bedeutet, bewusst wahrzunehmen, was im gegenwärtigen Augenblick, was jetzt geschieht. Das ist eine Übung, denn Achtsamkeit trainiert man wieder und wieder. Und das ist eine Haltung, denn man beobachtet, was gerade passiert – ohne es zu bewerten, man akzeptiert es einfach. Was jetzt stattfindet, findet einfach statt, ob ich es nun mag oder nicht. Man versucht, eine Ebene jenseits des ständigen Beurteilens zu erklimmen. Und wenn ich mit den Gedanken nicht woanders bin, sondern beim gegenwärtigen Augenblick, und wenn ich mein Erleben nicht durch permanentes Beurteilen einschränke, dann wird es möglich, Dinge wahrzunehmen, die mir normalerweise entgehen – die Farbe des Tees zum Beispiel oder den Gesichtsausdruck meines Gegenübers.

Was bietet in diesem Zusammenhang das Happy Panda-Training?
Happy Panda bietet Kindern die Möglichkeit, Achtsamkeit kennenzulernen und dabei Spaß miteinander zu haben. Eine wesentliche Säule des Kurses ist Aufmerksamkeit, weil Achtsamkeit eine besondere Art der Aufmerksamkeit ist. Eine zweite Säule ist Akzeptanz. Wir sprechen über unsere Erfahrungen und experimentieren, ob es auch ohne Bewertung geht. Außerdem arbeiten wir mit Ruhe und versuchen, die Kinder dafür zu interessieren, was passiert, wenn ich nicht so viel tue und stattdessen konzentrierter, bewusster erlebe. Eine weitere Säule ist sozial-emotionale Intelligenz: Was sind Gefühle, wie erlebe ich sie, und was kann ich machen, wenn ich diese Gefühle habe?

Cecile Cayla Happy Panda

Cécile Cayla startete mit der ersten Happy Panda-Klasse im Jahr 2011.


Warum nennst Du den Kurs “Training”?

Weil wir nicht nur einmal kommen, sondern uns mindestens zwölf Mal mit den Kindern treffen. Jedes Treffen hat ein Thema, wir bieten jedes Mal etwas Neues an und arbeiten mit dem Element der Wiederholung des bereits Erlernten, wie ein Ritual. Für Kinder ist es einfacher, wenn sie es immer wieder tun, immer wieder ausprobieren und zugleich immer wieder Neues beginnen. Das machen wir auf eine spielerische Art, deshalb ist Happy Panda dabei: der hilft uns, das zu vermitteln.

“Dann wecken wir Panda und er bringt immer ein neues Thema, über das wir mit Achtsamkeitsübungen experimentieren.”

Was genau geschieht in diesem Training?
Jede der zwölf Lektionen hat die gleiche Struktur. Wir starten mit einem kleinen Ritual, beobachten unseren Atem oder machen Panda-Ohren und hören Geräusche. Dann wecken wir Panda und er bringt immer ein neues Thema, über das wir mit  Achtsamkeitsübungen experimentieren. Eine Frage kehrt immer wieder: Was hast Du erlebt und möchtest Du das teilen? Die Kinder können jetzt erzählen, wie es für sie war und was sie gefühlt haben. Im letzten Teil des Programms schreiben oder zeichnen sie in ihr Panda-Tagebuch, was wir gemacht haben – eine Art Selbstreflexion.

Das ist die Struktur. Und um welche Themen geht es in den zwölf Treffen?
Die Themen sind auch aus dem MBSR-Programm bekannt. Wir richten unsere Aufmerksamkeit auf verschiedene Ebenen unseres Körpers und Geistes: Körperwahrnehmung, Sinneswahrnehmung, Wahrnehmen des Atems, der Gefühle. Dann gibt es die Herzlektion: Was passiert, wenn ich an jemanden denke, den ich mag? Ein anderes Mal sind wir Großzügigkeits-Detektive oder wir erforschen Dankbarkeit: Was bedeutet dankbar sein? Wie fühlt sich das an? Was bringt mir das?

Wie kam es denn zu dem Projekt Happy Panda?
Als ich Meditation kennengelernt habe, arbeitete ich als Grundlagenforscherin in der medizinischen Wissenschaft. Da hat es mich natürlich interessiert, was es in der wissenschaftlichen Welt über Achtsamkeit und Meditation gibt. Auf einer Konferenz in den USA habe ich dann erlebt, wie Jon Kabat-Zinn und andere Forscher die Ergebnisse ihrer Arbeit präsentierten. Dort traf ich auch Laurie Grossmann, die das “Mindful School Project” in den USA gestartet hatte. Das hat mich so begeistert, dass ich ein Seminar besucht und viel davon gelernt habe.
Eine weitere Inspiration war meine Begegnung mit der Autorin Lee MacLean. Sie schreibt Bücher, die Meditation und Achtsamkeit Kindern nahe bringen sollen. Eines heißt “Happy Panda and Mindful Monkey”. Und da ich mit Kindern arbeiten und eine Figur für die Kleinen haben wollte, dachte ich: Ja, das Programm könnte “Happy Panda” heißen.

“Mit 40 Jahren lesen zu lernen ist viel schwieriger. Und so ist es auch mit der Achtsamkeit.”

Wie erlebst Du die Arbeit mit den Kindern?
Es ist spannend und läuft nicht immer, wie man das möchte. Wir müssen flexibel sein und improvisieren können. Aber durch die Struktur und die Systematik des Happy Panda-Trainings schaffen wir es, dass einige Kinder zum ersten Mal erleben können, was es bedeutet, wenn ich nichts tue, wenn es keine Aufgabe gibt, wenn ich ganz still bin. Wie ist das? Wir kreieren einen zeitlichen Raum, in dem sie das erfahren können. Und wenn sie es nicht mögen, ist das auch in Ordnung. Aber sie haben zumindest die Gelegenheit, solch eine Erfahrung zu machen. Es ist wie mit dem Lesen: Auch wenn ich mein Leben lang kein Buch lese, so habe ich doch zumindest als Kind lesen gelernt und weiß, wenn ich es brauche, kann ich es anwenden. Mit 40 Jahren lesen zu lernen ist viel schwieriger. Und so ist es auch mit der Achtsamkeit.

Gibt es Unterschiede?
Jede Klasse ist anders, und die Lehrkraft prägt natürlich auch die Atmosphäre der Klasse. Wenn eine Lehrerin viel über Gefühle und soziales Lernen arbeitet, dann merkt man, dass die Kinder über einen entsprechenden Wortschatz verfügen. Andere Klassen machen weniger in dieser Richtung. Jeder Lehrer hat seine Art zu sein. Und dann gibt es Kinder, häufig in Brennpunktschulen, die zuhause nicht viel Aufmerksamkeit erhalten und die besonders davon profitieren, Happy Panda kennenzulernen.

Welchen Nutzen siehst Du für die Kinder?
Zum einen geht es darum, akzeptiert zu werden, wie man ist. Wenn ein Kind also sagt, ich habe mich bei dieser Übung nicht entspannt gefühlt, dann ist das in Ordnung. Das wollen wir den Kindern vermitteln. Zum anderen tun sich viele Kinder schwer mit Emotionen wie Wut oder Traurigkeit. Warum fühle ich mich soundso und was kann ich machen? Ein wichtiges Wissen fürs Leben, das man nicht unbedingt in der Schule lernt! Und hier geht es natürlich auch um Selbsterkenntnis. Ja, mein Körper fühlt sich soundso, ich kann mir die Zeit nehmen, das zu erkennen.

Interview: Detlef Eberhard

Teil 2 des Gesprächs mit Cécile Cayla folgt demnächst.